Liebe Abiturienten,
Ich habe euch vor ungefähr zweieinhalb Jahren
zum erten Mal unterrichtet und bin seit September 1999 euer
Klassenleiter. Ich habe euch kennenlernen dürfen, euren
Optimismus gespürt, wenn ihr über eure
Zukunftsvorstellungen gesprochen habt, eure Träume und Wünsche
mir anvertraut habt. Das Schicksal hat uns zusammengeführt und
ich bin dankbar dafür.
Der heutige Abend steht für eine
absolvierte Etappe in eurem Leben und ihr bastelt bereits an eurer
eigenen Zukunft. Ihr seid die Glücklichen dieser Welt, die im
Jahr 2000 nach unserer Zeitrechnung ihre Reifeprüfung ablegen
dürfen.
Was verstehen wir eigentlich unter Zeit? Sind das die
vier Monate, die ihr noch bis zum Abitur habt, sind das die achtzehn
Jahre eures bisherigen Lebens oder sind das die glücklichen
Stunden, eingefangen im Moment. Um sich dem Phänomen Zeit zu
nähern, muss man sich zunächst von ihm entfernen, zu ihm
auf Distanz gehen. Doch nichts ist schwieriger, als
Alltagserfahrungen, eingeschleifte Verhaltensmuster erstens bewusst
zu machen und zweitens zu reflektieren.
Bei uns wird Zeit als ein
wertvolles Gut betrachtet, als begrenzte Ressource, die es zu nutzen
gilt. Dieses Verständnis wird in sprachlichen Metaphern
deutlich. Wir können Zeit verbringen, verschwenden, investieren,
sparen, vergeuden. Es fällt auf, dass diese Verben in enger
Verbindung mit "Geld" stehen, was in dem Ausspruch "time
is money" zum Ausdruck kommt. Aber Zeit ist auch eine subjektive
Grösse. Das subjektive Erleben von Zeit ist immer eine
Projektion innerer Vorgänge und eigener Weltdeutungen. Da Leben
"in der Zeit ist" und durch die Zeit begrenzt wird,
verknüpfen sich diese Fragestellungen von Zeit und
Lebensbedeutung.
Durch die mannigfachigen Bedeutungszuweisungen
zum Begriff Zeit können wir ein vielschichtiges
Wirklichkeitsverständnis erwerben. Wir müssen den eigenen
Umgang mit der Zeit reflektieren, um zu erkennen, wie kostbar sie
ist. Wie könnt ihr euer Leben im Spannungsfeld von kulturell
vorgegebenen Zeitordnungen und - reglementierungen einrichten?
Welchen Raum können subjektive Zeitrythmen und -bedürfnisse
in diesem Rahmen einnehmen?
Michael Endes 1973 erschiener Roman
"Momo" meint: "Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im
Herzen. Und je mehr Menschen daran sparten, desto weniger hatten
sie". Er kritisiert die Herrschaft der so lange bewunderten
linearen Zeit als einengende Einseitigkeit unserer Zivilisation. Die
ständige Steigerung des Tempos mit zunehmender zeitlicher
Vernetzung führt zur Verplanung des Lebens. Spielräume für
freie Entfaltung und Entscheidung, für die Spontaneität,
Überraschung und Abwechslung sind eingeschränkt. Es gibt
ein grosses und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen
haben daran Teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken darüber
nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich
kein bisschen darüber. Das Geheimnis ist die Zeit. Es gibt
Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen,
denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine
Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein
Augenblick vergehen - je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt.
Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.