Eine andere Unterrichtsform - Werkstattwochen im Ungarisch-Deutschsprachigen Schulzentrum in Pécs
Im Jahr 2000 hatte ich die Möglichkeit an dem
Weiterbildungsprogramm für deutschsprachige Lehrer (Ortskräfte)
von Auslandsschulen als Stipendiat teilzunehmen. Dieses Programm
organisierte das Sekretariat der Ständigen Konferenz der
Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, der
sogenannte Pädagogischen Austauschdienst.
Ich kam mit sehr
vielen Erfahrungen und Anregungen im Februar in meine Schule, in das
Ungarisch-Deutschsprachige Schulzentrum in Pécs, zurück.
In Gerwisch (Sachsen-Anhalt) arbeiten in einer Grundschule Lehrer und
Schüler mit neuen Formen des offenen Unterrichts: Arbeit nach
Wochenplan, Projektunterricht, Werkstattunterricht. Ich konnte bei
vielen Werkstätten mitwirken und sogar eine Werkstatt
(Apfelwerkstatt) selbst organisieren und mit der Unterstützung
und Hilfe von zwei Lehrerinnen in einer zweiten Klasse durchführen.
Von dieser offenen Unterrichtsform war und bin ich noch immer
begeistert.
In meiner ersten Klasse bot sich Mitte März die
Möglichkeit, eine ABC-Werkstatt durchzuführen, da die
Schüler mit dem ungarischen ABC durch sind und das deutsche ABC
jetzt angefangen haben. Ich habe den Eltern zuerst einen kurzen
Vortrag über diese Arbeitsform gehalten und sie waren sehr
begeistert, auch meinen Erstklässlern erzählte ich über
diese neue Lernform.
Mit meiner Kollegin sammelten wir zuerst das
Material, das für unsere Werkstatt geeignet wäre. Wir
stellten ein fächerübergreifendes Lernangebot zusammen. Die
25 Aufgabestellungen sind so formuliert, oft auch mit Hilfe von
Piktogrammen, dass die Kinder selbstständig arbeiten können.
Die Reihenfolge der Arbeitsangebote ist beliebig, die Sozialformen
sind von den Lehrern bestimmt worden, die Kinder können die
Aufgaben allein bearbeiten oder mit einem oder mehreren Mitschülern
gemeinsam. Wichtig für uns Lehrer ist, dass jedes Kind sein
individuelles Arbeitstempo bestimmen kann. Die Werkstatt bietet den
Kindern Freiräume und Chancen zum selbstständigen,
eigenverantwortlichen Lernen. Wir haben für die Arbeit 10
Stunden und am Ende eine Auswertungsstunde geplant. Für fast
jedes Arbeitsangebot sind zwei Schüler verantwortlich. Diese
"Chefs" stehen ihren Mitschülern als Berater zur
Verfügung, wenn sie Fragen oder Probleme haben. Natürlich
sind wir Lehrer auch immer bei den Kindern und helfen, wenn es
notwendig ist. Bei dieser Lernform bietet sich für uns die
Möglichkeit, den Leistungsschwächeren zu helfen, sie bei
ihrer Arbeit zu ermuntern. Die Selbstkontrollblätter liegen für
die Kinder bereit, um die Hauptverantwortlichen zu entlasten, denn
ihre Aufgabe ist es, die fertiggestellten Arbeiten zu sichten und das
Symbol auf den Werkstattpass der Mitschüler zu geben. Die
Werkstatt läuft noch bis zu den Osterferien. Es wurden keine
Minimal-Maximal- Anforderungen gestellt, jeder Schüler arbeitet
entsprechend seines Arbeitstempos. Nach sechs Werkstattstunden sind
wir der Meinung, dass die Schüler sehr begeistert und aktiv
mitmachen, einige schaffen schon 10 - 12 Aufgaben. Natürlich
stellt man den Beliebtheitsgrad der Aufgabenstellungen fest, so z.B.
das Basteln eines Namensschildes aus ABC Nudeln
das große Mathepuzzle
der Oster-Malscherz, den die Schüler von einer Kassette lernen und dazu malen können
das Wortstempeln mit den gelernten deutschen Buchstaben
das Additionsblatt mit dem Lösungssatz: "Das hast du prima gemacht!" ...
Die Kinder sind sehr stolz auf ihre
fertigen Arbeiten, wir haben für jedes Kind einen Schnellhefter
angelegt in dem sie ihren Werkstattpass und die fertigen
Arbeitsblätter aufbewahren. Einige Verhaltensregeln habe ich
gleich am Anfang mit meiner Kollegin erläutert, aber auch die
Schüler gaben uns einige Tipps, welche Regeln gestellt und
eingehalten werden müssten, damit sie effizient arbeiten können.
Wir möchten diese Regeln bis zur nächsten Werkstatt, die
wir für Mai planen, festhalten und jedem Schüler zugänglich
machen. Die Auswertung erfogt in einem feierlichen Rahmen, jeder
Schüler bekommt ein kleines Geschenk, einen Sticker,
überreicht.
Diese völlig andere Form des Unterrichts
machte Lehrern, Schülern und Eltern Spaß. Es gab sogar
eine freiwillige Helferin- eine Oma unterstützte uns bei der
Arbeit. Die Eltern unterstützten uns materiell. Die Resonanz war
enorm, die Eltern reflektieren den Unterricht nicht nur von außen,
sondern nehmen regen Anteil, denn sie kommen oft in die Schule und
sehen sich die Werkstatt an, der Lehrer ist nicht nur Fachvermittler,
die Rollen werden getauscht, die Schüler haben am Ende ihr
selbst- produziertes Material und sich eine Menge Wissen selbst
angeeignet.